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MSP.Info ... weil Main und Spessart klasse sind

Der Bankangestellte Max Grün


Für einen Augenblick schlägt Max Grün dann doch nachdenkliche Töne an. "Vielleicht", sagt er, "wäre es anders gelaufen, wenn ich diese Chancen besser genutzt hätte." Er denkt an jene sechs Bundesligaspiele, die er in seiner ersten Saison beim VfL Wolfsburg bestritten hat, sechs Jahre sind seitdem vergangen.

Es ist ein sonniger Wintertag in Düsseldorf, Grün, 32, sitzt mit einem grauen Pullover und zurückgekämmten Haaren in einem marokkanischen Café, der Rhein ist nur einen Abwurf entfernt. Grün bestellt einen schwarzen Kaffee und ein Wasser, später isst er noch einen Teller Linsensuppe und einen Schokoladenkuchen.

"Ich bin immer positiv", sagt Grün, "ich lache gerne, das ist meine Art. So kannst du Leute mitreißen und der Mannschaft helfen." Positiv zu sein und zu helfen - das ist ein zentrales Lebensthema bei ihm.
Grün ist ein Ausnahmespieler im Wortsinn. Seit März 2013 hat er exakt zwölf Spiele im professionellen Fußball bestritten. Zwölf. Andere Torhüter spielen in einem halben Jahr häufiger. Beim Bundesligisten Borussia Mönchengladbach ist Grün derzeit Torwart Nummer drei hinter Yann Sommer und Tobias Sippel, er ist der Ersatzmann des Ersatzmanns, der Stellvertreter des Stellvertreters, Rückennummer 31. Damit er tatsächlich im Gladbacher Hemd in der Bundesliga im Tor steht, müsste sich sowohl Sommer als auch Sippel verletzen - ein äußerst unwahrscheinliches Szenario. Grün weiß das. Er ist ein Torwart ohne Tor, doch er hat sich bewusst für diesen Weg entschieden.

Grün lässt sich in ein Kissen fallen, das hinter ihm liegt, und verschränkt die Arme hinter dem Kopf. "Ich bin mit mir im Reinen. Wenn ich das sage, kommt der nächste Hanswurst um die Ecke und meint: 'Du hättest mehr aus dir machen können'. Aber jeder, der das sagt, war nie in meiner Situation." Grün meint: Er hat seine Entscheidungen immer nach bestem Wissen und Gewissen getroffen. Er müsste sich nicht mit der Rolle als Reservist abfinden, er könnte in der zweiten Liga im Tor stehen, doch er hat die Frage, ob er oben zu den Unteren oder unten zu den Oberen zählen will, für sich beantwortet. Und: Er hat auch als Ersatzmann eine Menge erlebt, ein Champions-League-Spiel im Old Trafford in Manchester, eines im Estadio Santiago Bernabeu in Madrid, er hat den DFB-Pokal gewonnen.

"Jeder hat in einer Mannschaft eine Rolle", sagt Grün, "manchmal hat diese Rolle damit zu tun, dass man sein Ego hintenanstellt, auch wenn es richtig schwer ist. Am Ende kommt dann was Gutes dabei raus." Wer Grüns Worte im Düsseldorfer Café hört, der gewinnt den Eindruck, etwas zu lernen. Nicht nur über den Fußball, auch und vor allem über das Leben. "Man muss sich nicht kleiner machen als man ist", sagt Grün, "aber bei Torhütern gibt es eine klare Rollenverteilung. Und dann muss man seine Rolle eben annehmen."

Zumal er irgendwann ja doch gefragt sein könnte. Vielleicht nicht heute, aber morgen. "Und dann so zu machen und Bundesliga zu spielen", sagt Grün und schnippt mit den Fingern, "das geht nicht." Er bestreitet deshalb jede Trainingseinheit, als stehe er am Wochenende im Tor. Als sei er die Nummer eins und nicht der Ersatzmann des Ersatzmanns. Das ist leicht dahingeschrieben; wenn man sich aber ausmalt, was das bedeutet - sich unter der Woche Training für Training aufzuopfern und samstags doch wieder auf der Ersatzbank oder auf der Tribüne zu sitzen -, wenn man sich das also ausmalt, dann erkennt man, dass das eine große Herausforderung sein muss für einen Sportler.

Für Grün ist es Alltag. Und den meistert er, weil er Vertrauen spürt. "Es ist mir wichtig, dass ich das Gefühl habe, gebraucht zu werden", sagt er. In Mönchengladbach hat er dieses Gefühl. Er kenne seine Rolle, sagt Grün, "ich soll mich menschlich einbringen, ich soll im Training Gas geben, ich soll pushen - und das mache ich." Ohne querzuschießen, ohne Missmut zu verbreiten, ohne Gedanken an einen Vereinswechsel oder an das Karriereende zu verschwenden. Nur einmal, als Nachwuchsspieler beim FC Bayern, da hatte er mal einen solchen Moment, einen Augenblick, in dem er nachdenklich wurde. "Da", sagt Grün, "habe ich mich gefragt: Willst du überhaupt noch Fußball spielen?"

Er wollte. Und er will es nach wie vor. Trotz des Daseins auf der Tribüne, trotz der Reservistenrolle. Aber: Hat er sich nie überwinden müssen, morgens ins Auto zu steigen, das Radio einzuschalten, zum Trainingsgelände zu fahren und zu wissen, dass er am Wochenende sowieso nicht spielen wird, ganz egal, wie gut er seine Arbeit macht? Hat ihn das nie Kraft gekostet? Nie? Nicht ein einziges Mal?

Grün muss keine Sekunde überlegen. Er verneint: "Dafür mache ich den Sport viel zu gerne." Und darum geht es ja: Spaß daran zu haben, Fußball zu spielen. Sei es in einem Bundesliga-Stadion oder eben auf dem Trainingsplatz. "Ich spiele auch mit meinen Kids gerne im Garten und grätsche und mache Schmarrn", sagt Grün. Er hat sich etwas Kindliches bewahrt, das Unbeschwertsein, das Freisein.

Eines, das versichert Grün im Düsseldorfer Café, eines hat Grün in all den Jahren übrigens nie gemacht. Er hat seinen Konkurrenten, wie auch immer sie geheißen haben, nie die Pest an den Hals gewünscht. "Man hofft schon mal, dass bei der Ehefrau der Nummer eins vielleicht eine Geburt dazwischen kommt", sagt Grün, "darüber denkt man mal nach, man will ja auch spielen. Aber man wünscht niemandem eine Verletzung. Wenn du hoffst, dass sich die Nummer eins verletzt, bist du der Erste, der sich verletzt." Kurze Pause. Dann sagt er: "So ist das Leben. Hundert Prozent."

"Ich hatte gar keine Wahlmöglichkeit"
Die Geschichte zu Max Grüns Rückennummer bei Borussia Mönchengladbach

Nur bei der SpVgg Greuther Fürth war Max Grün Stammtorwart, die Nummer eins trug er aber auch bei den Mittelfranken nicht - er stand vielmehr mit der 26 im Fürther Tor. Später, beim VfL Wolfsburg, hatte er die 20 auf dem Rücken, beim SV Darmstadt 98 die 38. Bei Borussia Mönchengladbach trägt er nun die Nummer 31. "Ich hatte gar keine Wahlmöglichkeit", sagt Grün und erklärt: "Ich kam da an zur Vertragsunterschrift, und als wir ein Foto für die Presse machen mussten, haben mir die Verantwortlichen gesagt: 'Ah Max, wir haben dir übrigens schon mal die 31 aufs Trikot gedruckt. Wir finden, das passt.'"

"Ich hatte das Gefühl, dass es bei uns läuft."
Im Mai 2015 hat Max Grün mit dem VfL Wolfsburg den DFB-Pokal gewonnen. Ein Gespräch über seinen persönlichen Beitrag, eine lange Nacht und den Tag danach.

5:4 beim Elfmeterschießen in Darmstadt, 4:1 gegen Heidenheim, 2:0 in Leipzig, 1:0 gegen Freiburg und 4:0 in Bielefeld: So ist der VfL Wolfsburg in der Saison 2014/15 ins Endspiel des DFB-Pokals vorgedrungen. Dort trafen die Niedersachsen auf Borussia Dortmund - und Max Grün beschlich ein Gefühl, als er vor 75.815 Zuschauern im Olympiastadion in Berlin auf der Ersatzbank saß.



Max Grün, Sie saßen beim Pokalfinale gegen Dortmund auf der Bank, aber Sie können für sich reklamieren, dass Sie das Pokalfinale für Wolfsburg überhaupt erst möglich gemacht haben.
Das stimmt.

Sie haben in der ersten Runde in Darmstadt zwei Elfmeter gehalten.
Und Klaus Allofs (damals Manager in Wolfsburg, A. d. Red.) hat zwei Tage vor dem Finale in einer Talkrunde gesagt: Ohne Max wären wir gar nicht hier. Das war eine schöne Anerkennung.

Wie haben Sie das Finale in Erinnerung?
Wir lagen schon nach fünf Minuten hinten, aber ich hatte irgendwie das Gefühl, dass es bei uns läuft. Das haben die Jungs auf dem Platz ausgestrahlt. Und bei Dortmund hat man gemerkt, dass sie mit der Wucht nicht klarkommen - es war ihr letztes Spiel unter Jürgen Klopp.

Zur Halbzeit führte Wolfsburg mit 3:1, das war auch der Endstand. Können Sie Ihr Gefühl beim Schlusspfiff in Worte fassen?
Du weißt gar nicht wohin mit dir. Du rennst, du springst rum, jeder umarmt dich. Das Stadion war wahnsinnig laut - kein Vergleich zu einem Bundesligaspiel in Berlin.

Dann haben die Dortmunder Spalier gestanden, dann wurde der Pokal überreicht.
Und dann gab's nur noch: Gib ihm. Wir haben in der Kabine angefangen zu trinken. Weil ein paar Spieler noch ein Interview im Sportstudio geben mussten, sind wir erst gegen halb eins weggekommen. Wir sind dann mit den Familien und den Sponsoren zu einem Club gefahren.

In unmittelbarer Nähe zur Spree.
Wir hatten den Club reserviert. Dort haben wir bis sieben, halb acht gefeiert, dann sind wir zurück zum Hotel gefahren worden, und ich bin quasi direkt zum Frühstück gegangen.

Ohne Schlaf?
Ich habe mich eine halbe Stunde hingelegt, aber ich konnte nicht schlafen, weil sich alles gedreht hat. (Lacht.) Also habe ich den Fernseher angemacht, damit mir nicht so schwindelig ist.

Was haben Sie beim Frühstück gegessen?

Ich konnte nicht viel essen.

Am Nachmittag stand dann eine Feier mit den Fans in Wolfsburg an.
Nach dem Frühstück sind wir mit dem Zug zurückgefahren - glücklicherweise hat er in Wolfsburg gehalten. (Grinst.) 30.000 Leute waren auf der Straße, das war Wahnsinn. Ich bin abends erst um 18, 19 Uhr heimgekommen und sofort ins Bett gefallen.


18. März 2020/Theresina Rahtz
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